Eigentlich hat es den Kapitän schon längst aufs Schiff gezogen. Innerlich war er vermutlich schon seit Tagen unterwegs Richtung Süden. Doch die Landfrau hatte noch einen wichtigen Termin – und der liess sich nicht einfach verschieben: die DV des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes in Lenzburg.
Alle zwei Jahre trifft sich der Verband in einem anderen Kanton, und für mich war klar, dass ich dieses Treffen nicht verpassen wollte. Zu viele Erinnerungen, zu viele vertraute Gesichter, zu viel gemeinsames Erleben verbinden mich mit diesen Frauen. Als ehemalige Präsidentin des Aargauer Kantonalverbands fühlte es sich fast ein bisschen wie Heimkommen an. Ich habe die Gespräche genossen, das Wiedersehen, die Herzlichkeit – und natürlich auch das feine Essen, das einfach immer dazugehört.
Mit all diesen Eindrücken im Gepäck machten wir uns am Freitagmorgen auf den Weg Richtung Venedig. Der Kapitän hatte das Auto wie gewohnt bis in den letzten Winkel gefüllt – eine Kunst für sich. Verabschiedet hatten wir uns bereits in den Tagen zuvor von unseren Kindern und meinen Eltern.
Und trotzdem bleibt dieses Gefühl.
Loslassen ist für mich kein einmal gelernter Schritt, den man dann einfach abhakt. Es ist eher ein wiederkehrender Prozess, der jedes Mal ein bisschen anders ist. Die Distanz zwischen der Schweiz und Griechenland ist gross genug, dass man nicht einfach schnell nach Hause fährt, wenn etwas ist. Dieser Gedanke schwingt immer mit. Gleichzeitig weiss ich, dass genau in dieser Distanz auch ein Teil meiner Freiheit liegt. Vielleicht gehört beides untrennbar zusammen.
Unsere Reise wurde dann am Gotthard etwas ausgebremst – mein erster Stau dort. Wir hatten die Kombination aus Freitag und 1.Mai nicht auf dem Sender gehabt beim Planen. Eine Erfahrung, die ich nicht zwingend wiederholen muss, aber sie gehört jetzt wohl dazu, zu unserem Unterwegssein zwischen zwei Welten.
Am Abend erreichten wir ein Hotel ausserhalb von Venedig. Auf einen Ausflug in die Stadt verzichteten wir dieses Mal bewusst und machten es uns stattdessen mit einem einfachen Picknick aus der Kühlbox gemütlich. Es war unspektakulär – und gleichzeitig genau richtig. E ists gerade diese Mischung aus Einfachheit und Unterwegssein, die unser Leben so stimmig macht.
Am nächsten Morgen ging es weiter zur Fähre. Mein Kapitän hatte eine Kabine gebucht, was sich als sehr angenehme Entscheidung herausstellte. Die Zeiten, in denen eine Nacht im Schlafsack auf Deck als Abenteuer galt, liegen hinter uns – oder sagen wir: Unser Rücken hat inzwischen andere Ansprüche.
Die Überfahrt dauerte 26 Stunden, und während das Meer ruhig an uns vorbeizog, wuchs meine mitgebrachte Strickarbeit Masche für Masche weiter. In Igoumenitsa angekommen, wechselten wir den Hafen und die Fähre für die letzte Etappe nach Korfu. In der Nebensaison läuft vieles nicht direkt, aber mit ein wenig Geduld findet sich immer ein Weg.
In der Marina angekommen, begann das vertraute Ritual: Auto ausladen, Gepäck auf das kleine Wägeli verteilen und alles in mehreren Etappen über den Steg zur Nisirepe bringen. Kühlbox, Kissen, Werkzeug, Ersatzteile – es ist jedes Mal erstaunlich, was sich so ansammelt.
Und dann liegt sie da.
Unsere Nisirepe, ruhig und wartend, als hätte sie die Monate gezählt. Ein halbes Jahr war sie Wind und Wetter ausgesetzt, und die Spuren davon sind sichtbar. Hier eine neue Schramme, dort eine kleine Blessur mehr. Es wirkt fast, als hätte sie uns unsere Abwesenheit ein wenig übel genommen.
Umso mehr musste ich lächeln, als ich im kleinen Schiffs- WC meinen kleinen Baby-Kaktus entdeckte, den ich letztes Jahr in Monemvasia bei einer Wanderung aufgelesen und auf dem Schiff eingepflanzt hatte. Schweren Herzens habe ich ihn die Wintermonate seinem Schicksal überlassen. Unbeeindruckt, gesund, lebendig – als wäre nichts gewesen, empfing er mich. Ein stiller Beweis dafür, dass manches einfach bestehen bleibt, auch wenn man es eine Zeit lang sich selbst überlässt.
An Bord breitete sich schnell das gewohnte Chaos aus: Segel im Salon, Taschen in jeder Ecke, neue Dinge, die ihren Platz noch nicht gefunden hatten. Früher hätte ich wohl sofort angefangen aufzuräumen. Diesmal entschieden wir uns, es einfach gut sein zu lassen und erst einmal anzukommen.
Der nächste Tag verging mit Einräumen, Montieren und Einkaufen – Schritt für Schritt zurück ins Bordleben. Besonders schön war der Besuch unserer Schweizer Segelfreunde Thomy und Regi. Es tut gut, Menschen zu treffen, die ähnlich unterwegs sind, die verstehen, ohne dass man viel erklären muss.
Und irgendwo zwischen all dem – zwischen Kisten, Gesprächen und kleinen Handgriffen – wurde mir klar, dass wir wieder da sind. Nicht nur an einem Ort, sondern in diesem besonderen Lebensgefühl zwischen Vertrautem und Aufbruch, zwischen Verantwortung und Freiheit.
Vielleicht ist genau das mein Weg geworden: nicht entweder – oder, sondern beides.
Loslassen und festhalten.
Gehen und bleiben.
Landfrau sein – und Seglerin.



